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Die Enzyklika von 1957 : "Die Wallfahrt von Lourdes"

Le pape Pie XII à écrit une encyclique sur Lourdes pour le centenaire des apparitionsAm 2. Juli 1957 unterzeichnete Papst Pius XII. eine Enzyklika anlässlich des nahenden hundertjährigen Jubiläums der Erscheinungen Mariens vor Bernadette Soubirous in Lourdes. Mit dem Titel “Die Wallfahrt von Lourdes” ist dieses Schreiben eines der wichtigsten über Lourdes. Hier der Text.

 

 

Diese Enzyklika wurde veröffentlicht in Rom am Fest Heimsuchung am 2. Juli 1957, dem 19. Jahr des Pontifikates von Pius XII

1. Teil

Geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, Heil und apostolischer Segen. Die Wallfahrt nach Lourdes, die zu machen Wir die Freude hatten, als Wir Uns im Namen Unseres Vorgängers Pius XI. zur Übernahme des Präsidiums bei den eucharistischen und marianischen Schlussfeiern des Jubeljahrs der Erlösung dorthin begaben, hat in Unserer Seele tiefe und liebe Erinnerungen zurückgelassen. Daher freut es Uns besonders, zu erfahren, dass die Marienstadt sich auf Betreiben des Bischofs von Tarbes und Lourdes anschickt, das hundertjährige Jubiläum der Erscheinungen der Unbefleckten Jungfrau in der Grotte von Massabielle mit großer Pracht zu begehen, und dass selbst ein internationales Komitee unter dem Vorsitz Kardinal Tisserants, des Dekans des Heiligen Kollegs, zu diesem Zweck eingesetzt worden ist.

Mit euch, geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, möchten Wir Gott für die außerordentliche Gnade, die er eurem Lande geschenkt, und für all die Gnadenerweise, die er seit einem Jahrhundert auf die Scharen der Pilger ausgegossen hat, danken. Wir möchten zugleich alle Unsere Kinder ermahnen, in diesem Jubiläumsjahr ihre vertrauensvolle und hochherzige Frömmigkeit gegenüber derjenigen zu erneuern, die nach den Worten des heiligen Pius X. sich herabließ, in Lourdes "den Thron ihrer unermesslichen Schönheit" zu errichten (1).

Jedes christliche Land ist ein marianisches Land, und kein Volk ist durch Christi Blut erlöst, das nicht Maria seine Mutter und Schutzherrin nennen möchte. Diese Wahrheit nimmt jedoch eine ergreifende Bedeutung an, wenn man sich die Geschichte Frankreichs ins Gedächtnis ruft. Die Verehrung der Gottesmutter reicht bis in die Anfänge seiner Bekehrung zurück, und unter den ältesten Marienheiligtümern zieht Chartres noch heute Scharen von Pilgern und Tausende von jungen Menschen an. Das Mittelalter, das vor allem mit dem heiligen Bernhard das Lob Mariens sang und ihre Geheimnisse feierte, sah die wunderbare Blüte eurer Kathedralen zu Ehren von Notre-Dame: Le Puy, Reims, Amiens, Paris und all die anderen. Sie verkünden schon von ferne mit ihren aufragenden Türmen diesen Ruhm der Unbefleckten, sie lassen ihn im reinen Licht ihrer Glasfenster und in der harmonischen Schönheit ihrer Statuen aufleuchten; sie bezeugen vor allem den Glauben eines Volkes, das in einem herrlichen Aufschwung über sich selbst hinausstrebt, um das unvergängliche Zeugnis seiner marianischen Frömmigkeit in den Himmel Frankreichs emporzuheben

In den Städten und Dörfern, auf den Gipfeln der Hügel oder auf meerbeherrschenden Klippen begannen bescheidene Kapellen und strahlende Basiliken nach und nach das Land mit ihrem schützenden Schatten zu bedecken. Fürsten und Hirten, unzählige Gläubige sind dort im Laufe der Jahrhunderte zu der Heiligen Jungfrau geeilt, die sie mit den bedeutungsvollsten Titeln ihres Vertrauens und ihrer Dankbarkeit grüßten. Hier ruft man Unsere Liebe Frau von der Barmherzigkeit, von der immerwährenden Hilfe, die Nothelferin an; dort flüchtet sich der Pilger zur Mutter Gottes von der Wacht, der Erbarmung und des Trostes; anderswo steigt sein Gebet zur Mutter Gottes vom Licht, vom Frieden, von der Freude oder Hoffnung auf; oder er fleht die Mutter Gottes von den Tugenden, von den Wundern oder den Siegen an. Wunderbare Litanei der Beinamen, die die niemals abgeschlossene Folge der Wohltaten der Gottesmutter erzählt, die sie im Laufe der Zeit über die Erde Frankreichs ausgegossen hat.

Doch es war das 19. Jahrhundert, das nach den Wirren der Revolution in mancher Hinsicht das Jahrhundert der marianischen Gunsterweise werden sollte. Um nur eine Tatsache zu erwähnen: Wer kennt heute nicht die "wundertätige Medaille"? Im Herzen der französischen Hauptstadt selber einer demütigen Tochter des heiligen Vinzenz von Paul offenbart, hat sie mit dem Bild der "unbefleckt empfangenen Maria" überall ihre geistigen und materiellen Wunder verbreitet. Und einige Jahre später, vom 11. Februar bis zum 16. Juli 1858, gefiel es der Allerseligsten Jungfrau Maria, sich durch eine neue Gunst auf pyrenäischer Erde einem frommen und reinen Kind kundzutun, das aus einer in seiner Armut fleißigen christlichen Familie stammte. "Sie kommt zu Bernadette", sagten Wir damals, "sie macht sie zu ihrer Vertrauten, ihrer Mitarbeiterin, dem Werkzeug ihrer mütterlichen Zärtlichkeit und der barmherzigen Allmacht ihres Sohnes, um die Welt in Christus wiederherzustellen durch eine neue unvergleichliche Ausgießung der Erlösung" (2).

Die Ereignisse, die sich damals in Lourdes abspielten und deren religiöse Bedeutung man heute besser ermisst, sind euch wohlbekannt. Ihr wisst, geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, unter welchen erstaunlichen Umständen sich die Stimme dieses Kindes, der Botschafterin der Unbefleckten, trotz aller Spöttereien, Zweifel und Widerstände der Welt aufgezwungen hat. Ihr kennt die Festigkeit und Reinheit des Zeugnisses, das von der bischöflichen Autorität weise geprüft und 1862 von ihr sanktioniert worden ist. Schon waren die Scharen herbeigeströmt, und sie haben nicht aufgehört, sich zu der Grotte der Erscheinungen, zu der wunderbaren Quelle, zu dem auf Marias Wunsch errichteten Heiligtum zu drängen. Da ist der ergreifende Zug der Armen, Kranken und Bekümmerten; da ist die imponierende Wallfahrt Tausender von Pilgern einer Diözese oder einer Nation; da ist das zurückhaltende Nahen einer unruhigen Seele, die die Wahrheit sucht... "Niemals hat man", so sagten Wir, "an einem Ort der Erde einen solchen Zug von Leiden, niemals einen solchen Glanz von Frieden, Heiterkeit und Freude gesehen!" (3) Niemals, könnten Wir hinzufügen, wird man die Summe der Wohltaten ermessen, die die Welt der hilfreichen Jungfrau verdankt! „O selige Grotte, durch den Anblick der göttlichen Mutter geschmückt! Verehrungswürdiger Fels, aus dem die volle Quelle des lebenspendenden Wassers entsprang! "

Diese hundert Jahre marianischer Verehrung haben zudem in gewisser Hinsicht enge Bande zwischen dem Heiligen Stuhl Petri und dem Pyrenäenheiligtum geknüpft, die Wir gerne erwähnen. Hat nicht die Jungfrau Maria selber diese Annäherung gewünscht? "Was der Papst kraft seines unfehlbaren Lehramtes in Rom definiert hat, hat die unbefleckte Jungfrau und Gottesmutter, die begnadigt ist unter allen Frauen, offenbar durch ihren eigenen Mund bestätigen wollen, als sie sich kurz darauf in einer berühmten Erscheinung in der Grotte von Massabielle kundtat..." (5). Gewiss hatte das unfehlbare Wort des römischen Papstes, des authentischen Interpreten der geoffenbarten Wahrheit, keine himmlische Bestätigung nötig, um für den Glauben der Gläubigen gültig zu sein. Aber mit welcher Ergriffenheit und Dankbarkeit empfingen das christliche Volk und seine Hirten von den Lippen Bernadettes diese vom Himmel gekommene Antwort: "Ich bin die Unbefleckte Empfängnis"!

Daher ist es auch nicht erstaunlich, dass Unsere Vorgänger diesem Heiligtum gern immer neue Gunsterweise zuteil werden ließen. Schon 1869 freute sich Pius IX. heiligen Angedenkens darüber, dass die von der menschlichen Bosheit gegen Lourdes errichteten Hindernisse es gestattet hätten, "mit um so mehr Kraft und Unwiderleglichkeit die Klarheit der Tatsache zu manifestieren" (6). Und kraft dieser Überzeugung überschüttet er die neu erbaute Kirche mit geistigen Wohltaten und lässt die Statue der Mutter Gottes von Lourdes krönen. Leo XIII. bestätigt 1892 das eigene Offizium und die Messe des Festes der "Erscheinungen der seligen unbefleckten Jungfrau Maria", das sein Nachfolger bald auf die ganze Kirche ausdehnte; der alte Aufruf der Schrift sollte hier nun eine neue Anwendung finden: "Stehe auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm: meine Taube in den Felsenritzen, in der Mauerhöhlung! " (7)

Am Ende seines Lebens wollte der große Papst noch selber eine Nachbildung der Grotte von Massabielle in den Vatikanischen Gärten einweihen und segnen, und zur gleichen Zeit erhob er seine Stimme in einem glühenden und vertrauensvollen Gebet zu der Jungfrau von Lourdes: "Möge die Jungfrau und Mutter, die einst durch ihre Liebe bei der Geburt der Gläubigen in der Kirche mitwirkte, durch ihre Macht auch heute noch das Werkzeug und die Hüterin unseres Heiles sein; ... möge sie den geängstigten Seelen die Ruhe des Friedens wiedergeben; möge sie endlich im privaten wie im öffentlichen Leben die Rückkehr zu Christus beschleunigen" (8).

Die Fünfzigjahrfeier der Definition des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis der Allerseligsten Jungfrau bot dem heiligen Papst Pius X. Gelegenheit, in einem feierlichen Dokument das geschichtliche Band zu bezeugen, das zwischen diesem Akt und den Erscheinungen von Lourdes besteht: "Kaum hatte Papst Pius IX. als katholischen Glaubenssatz definiert, dass Maria von Anfang an von Sünde frei war, als die Jungfrau selber begann, in Lourdes Wunder zu wirken" (9). Kurz darauf schuf er den Bischofstitel von Lourdes, den er mit dem von Tarbes verband, und unterzeichnete die Eröffnung des Seligsprechungsprozesses Bernadettes. Es war vor allem diesem großen Papst der Eucharistie vorbehalten, die wunderbare Verbindung zu betonen und zu fördern, die in Lourdes zwischen dem eucharistischen Kult und der Marienverehrung besteht: "Die Verehrung der Mutter Gottes", bemerkt er, "ließ dort eine ungewöhnlich glühende Verehrung unseres Herrn Christus aufblühen" (10).

Hätte es anders sein können? Alles in Maria führt uns zu ihrem Sohn, dem einzigen Erlöser, und nur in Voraussicht seiner Verdienste war sie unbefleckt und voll der Gnaden; alles in Maria erhebt uns zum Lob der anbetungswürdigen Dreifaltigkeit, und glückselig war Bernadette, wenn sie ihren Rosenkranz vor der Grotte betete und von den Lippen und durch den Blick der Allerseligsten Jungfrau lernte, dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geiste Ehre zu erweisen! Daher sind Wir glücklich, Uns bei dieser Hundertjahrfeier dem Zeugnis des heiligen Pius X. anzuschließen: "Der einzigartige Ruhm des Heiligtums von Lourdes liegt darin, dass die Völker von überallher dort durch Maria zur Anbetung Jesu Christi im erhabenen Sakrament hingezogen werden, so dass dieses Heiligtum, das zugleich Mittelpunkt der Marienverehrung und Thron des eucharistischen Geheimnisses ist, offenbar an Herrlichkeit alle anderen in der katholischen Welt übertrifft" (11).

Benedikt XV. wollte das bereits mit Gunsterweisen überhäufte Heiligtum noch durch neue und kostbare Indulgenzien bereichern, und wenn die tragischen Umstände seines Pontifikats ihm nicht erlaubten, die öffentlichen Akte seiner Verehrung zu mehren, so wollte er doch wenigstens die Marienstadt dadurch ehren, dass er ihrem Bischof das Privileg des Palliums am Ort der Erscheinungen gewährte. Pius XI., der selber Lourdes-Pilger gewesen war, setzte sein Werk fort und hatte die Freude, das Lieblingskind der Jungfrau, das im Kloster den Namen Schwester Marie Bernard von der Kongregation de la Charite et de l'Instruction chrétienne angenommen hatte, zur Ehre der Altäre zu erheben. Gab er nicht sozusagen seinerseits dem Versprechen der Unbefleckten gegenüber der jungen Bernadette, sie werde "glücklich nicht in dieser Welt, sondern in der anderen" werden, das authentische Siegel? Seither zieht Nevers, das die Ehre hat, den kostbaren Sarg zu hüten, ebenfalls große Scharen von Lourdes-Pilgern an, die danach verlangen, in der Nähe der Heiligen die Botschaft der Mutter Gottes würdig aufnehmen zu lernen. Bald traf der Papst, der nach dem Beispiel seiner Vorgänger eben das jährliche Gedenkfest der Erscheinungen durch eine Delegation geehrt hatte, den Entschluss, das Jubeljahr der Erlösung in der Grotte von Massabielle zu beschließen, dort, wo nach seinen eigenen Worten "die Unbefleckte Jungfrau Maria sich mehrere Male der seligen Bernadette Soubirous zeigte, wo sie gütig alle Menschen zur Buße mahnte, an eben diesem Ort der wunderbaren Erscheinung, den sie mit Gnaden und Wundern überhäufte" (12). In der Tat, schloss Pius XI., dieses Heiligtum "gilt jetzt mit Recht als eines der hauptsächlichen marianischen Heiligtümer der Welt" (13).

Wie hätten Wir nicht Unsere Stimme mit diesem einstimmigen Konzert von Lobpreis vereinigen sollen? Wir taten es namentlich in Unserer Enzyklika "Fulgens corona ", in der Wir wie Unsere Vorgänger daran erinnerten, dass "die Allerseligste Jungfrau Maria selber offenbar durch ein Wunder die Sentenz bestätigen wollte, die der Stellvertreter ihres göttlichen Sohnes auf Erden soeben unter dem Beifall der ganzen Kirche proklamiert hatte" (14). Und Wir erinnerten bei dieser Gelegenheit daran, wie die römischen Päpste im Bewusstsein der Wichtigkeit dieses Wallfahrtsorts nicht aufgehört hatten, "ihn mit geistigen Gunsterweisen und durch die Wohltaten ihres Wohlwollens zu bereichern" (15). Ist die Geschichte dieser hundert Jahre, die Wir hier in großen Zügen aufgerollt haben, nicht in der Tat eine dauernde Bestätigung dieses päpstlichen Wohlwollens, dessen letzter Akt der Abschluss der Hundertjahrfeier der Dogmenerklärung der Unbefleckten Empfängnis in Lourdes war? Doch euch, geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, möchten Wir ganz besonders ein neueres Dokument ins Gedächtnis rufen, durch das Wir die Entfaltung eines Missionsapostolats in eurem lieben Vaterland befürworteten. Es lag Uns am Herzen, darin "die einzigartigen Verdienste" zu betonen, die "Frankreich sich im Laufe der Jahrhunderte um den Fortschritt des katholischen Glaubens erworben hat", und darum "wandten Wir Unsern Geist und Unser Herz nach Lourdes, wo vier Jahre nach der Dogmenverkündigung die Unbefleckte Jungfrau selber auf übernatürliche Weise durch Erscheinungen, Unterhaltungen und Wunder die Erklärung des Obersten Lehrers bestätigt hat" (16).

Auch heute wieder wenden Wir Uns dem berühmten Heiligtum zu, das sich anschickt, an den Ufern des Gave die Pilgerscharen zur Jahrhundertfeier zu empfangen. Wenn seit einem Jahrhundert dort glühende öffentliche und private Gebete von Gott durch die Fürbitte Mariens so viele Heilungs- und Bekehrungsgnaden erlangt haben, so haben Wir das feste Vertrauen, dass die Mutter Gottes in diesem Jubiläumsjahr weiter freigebig den Erwartungen ihrer Kinder entsprechen wird; aber vor allem sind Wir überzeugt, dass sie uns drängt, die geistigen Lehren der Erscheinungen anzunehmen und uns auf den Weg zu machen, den sie uns so klar vorgezeichnet hat

2. Teil

Diese Lehren, ein getreues Echo der evangelischen Botschaft, stellen in erschütternder Weise den Gegensatz heraus, der die Gerichte Gottes der eitlen Weisheit dieser Welt gegenüberstellt. In einer Gesellschaft, die sich kaum der Übel, die sie untergraben, bewusst ist, die ihr Elend und ihre Ungerechtigkeiten glänzend und sorglos unter dem Schein von Wohlstand verbirgt, zeigt sich die Unbefleckte Jungfrau, die nie von der Sünde berührt worden ist, einem unschuldigen Kind. In mütterlichem Erbarmen lässt sie ihren Blick über diese Welt gleiten, die durch das Blut ihres Sohnes erkauft worden ist und in der die Sünde leider täglich eine so reiche Ernte hält; und dreimal erhebt sie ihren dringenden Aufruf: "Buße, Buße, Buße!" Sie fordert selbst ausdrucksvolle Gesten: "Küsse die Erde zur Buße für die Sünder." Und mit der Geste soll sich das Gebet vereinen: "Du sollst Gott für die Sünder bitten." So gibt die gleiche starke und strenge Aufforderung wie zur Zeit des Täufers Johannes, wie zu Beginn des Wirkens Jesu den Weg zur Rückkehr zu Gott an: "Tuet Buße!" (17) Und wer könnte wagen zu sagen, dass dieser Aufruf zur Bekehrung der Herzen in unseren Tagen seine Aktualität verloren hätte?

Aber könnte die Mutter Gottes ihren Kindern anders entgegentreten denn als Botin von Verzeihung und Hoffnung? Schon fließt die Quelle zu ihren Füßen: "Alle, die ihr dürstet, kommet zum Wasser und schöpfet das Heil vom Herrn" (18). Zu dieser Quelle, zu der Bernadette als erste gehorsam gegangen ist, um zu trinken und sich zu waschen, wird nun alles Elend von Leib und Seele hinströmen. "Ich ging hin, wusch mich, und sah" (19), könnte der dankbare Pilger mit dem Blinden des Evangeliums sagen. Aber wie für die Menge, die sich um Jesus drängte, so bleibt auch hier die Heilung der physischen Wunden wohl eine Tat des Erbarmens, aber mehr noch Zeichen der Macht des Menschensohnes, die Sünden zu vergeben (20).Bei der gesegneten Grotte lädt uns die Jungfrau im Namen ihres göttlichen Sohnes zur Bekehrung des Herzens und zur Hoffnung auf Vergebung ein.

In der demütigen Antwort des Menschen, der sich als Sünder erkennt, liegt die wahre Größe dieses Jubiläumsjahres. Welche Wohltaten könnte man nicht mit Recht für die Kirche erwarten, wenn jeder Lourdes-Pilger - und selbst jeder Christ, der im Herzen mit den Jahrhundertfeiern vereint ist - zuerst in sich selbst dieses Werk der Genugtuung vollzöge, "nicht mit Wort und Zunge, sondern in Tat und Wahrheit" (21). Alles lädt ihn dazu ein, denn vielleicht nirgendwo fühlt man sich so wie in Lourdes gleichzeitig zum Gebet, zur Selbstvergessenheit und zur Liebe hingerissen. Beim Anblick der Hingabe der Krankenträger und des heiteren Friedens der Kranken, beim Anblick der Brüderlichkeit, die die Gläubigen jeder Herkunft im gleichen Gebet vereint, beim Anblick der spontanen gegenseitigen Hilfe und der von innen kommenden Gebetshingabe der vor der Grotte knienden Pilger werden die Besten von der Anziehungskraft eines vollkommener dem Dienste Gottes und ihrer Brüder geweihten Lebens angerührt, die weniger Eifrigen werden sich ihrer Lauheit bewusst und finden den Weg zum Gebet wieder, und selbst die verhärtetsten und ungläubigsten Sünder werden oft von der Gnade berührt, oder zum mindesten bleiben sie, wenn sie ehrlich sein wollen, nicht unbeeindruckt von dem Zeugnis dieser "Schar von Gläubigen, die nur ein Herz und eine Seele haben"(22).

Für sich allein jedoch genügt diese Erfahrung einiger kurzer Tage der Pilgerschaft gewöhnlich nicht, den Anruf Mariens zu einer wahren Glaubensbekehrung mit unauslöschlichen Lettern einzugraben. Daher ermahnen wir die Diözesanoberhirten und alle Priester, miteinander zu wetteifern, damit die Wallfahrten der Jahrhundertfeier eine Vorbereitung, eine Verwirklichung und vor allem eine Fortsetzung finden, die für eine tiefe und dauerhafte Wirkung der Gnade möglichst günstig sein möchten. Rückkehr zu eifrigem Empfang der Sakramente, Beachtung der christlichen Moral im ganzen Leben und schließlich Einsatz in den Reihen der Katholischen Aktion und den verschiedenen Werken, die die Kirche empfiehlt: nur unter diesen Bedingungen, nicht wahr, wird die bedeutende Massenbewegung, die in Lourdes für das Jahr 1958 vorauszusehen ist, gemäß den Erwartungen der unbefleckten Jungfrau selber die Früchte des Heils tragen, deren die gegenwärtige Menschheit so dringend bedarf.

Aber so entscheidend sie ist, die individuelle Bekehrung des Pilgers könnte hier nicht genügen. In diesem Jubiläumsjahr ermahnen Wir euch, geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, bei den eurer Sorge anvertrauten Gläubigen eine kollektive Bewegung zur christlichen Erneuerung der Gesellschaft zu wecken, als Antwort auf den Anruf Mariens: "Möchten die blinden Geister durch das Licht der Wahrheit und der Gerechtigkeit erleuchtet werden", wünschte schon Papst Pius XI. anlässlich der marianischen Feiern des Jubeljahres der Erlösung, "möchten die Irrenden auf den rechten Weg zurückgeführt werden, möchte der Kirche überall die rechtmäßige Freiheit zugestanden werden und eine Zeit der Eintracht und des wahren Wohlstandes sich über den Völkern erheben" (23).

Die Welt, die in unseren Tagen so viel berechtigten Anlass zu Stolz und Hoffnung gibt, kennt auch eine gefährliche Versuchung zum Materialismus; Unsere Vorgänger und Wir selber haben oft genug darauf hingewiesen. Dieser Materialismus lebt nicht nur in der verurteilten Philosophie, die der Politik und Wirtschaft eines Teils der Menschheit zugrunde liegt; er herrscht auch in der Geldgier, deren Verheerungen sich im Maße der modernen Unternehmen ausdehnen und die leider so viele Zwangsabläufe bestimmt, die auf dem Leben der Völker lasten; er äußert sich im Kult des Leibes, in dem maßlosen Streben nach Komfort und der Flucht vor jeder Strenge der Lebensführung; er führt zur Verachtung des menschlichen Lebens, selbst dessen, das vor seinem Eintritt in die Welt vernichtet wird; er äußert sich in der zügellosen Jagd nach Vergnügen, das sich schamlos zeigt und durch Lektüre und Schauspiele auch die noch reinen Seelen zu verführen sucht; er liegt der Achtlosigkeit gegenüber dem Bruder, dem Egoismus, der ihn vernichtet, der Ungerechtigkeit, die ihn seiner Rechte beraubt, kurz einer Lebensauffassung zugrunde, die alles ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der materiellen Blüte und der irdischen Befriedigungen sieht. "Meine Seele, du hast viele Güter daliegen auf viele Jahre, ruhe aus, iss und trink und lass es dir wohl sein", sagte ein Reicher. "Gott aber sprach zu ihm: Du Tor, in dieser Nacht wird man dein Leben von dir fordern." (24).

In eine Gesellschaft hinein, die in ihrem öffentlichen Leben häufig die obersten Rechte Gottes antastet, die die ganze Welt um den Preis ihrer Seele gewinnen möchte (25) und sich so der Gefahr ihres Untergangs aussetzt, hat die mütterliche Jungfrau gleichsam einen Alarmschrei geworfen. Ihrem Anruf gehorchend, mögen die Priester alle ohne Furcht die großen Heilswahrheiten verkünden. Es gibt keine dauerhafte Erneuerung, außer wenn sie sich auf die unumstößlichen Grundsätze des Glaubens stützt, und es ist Sache der Priester, das Gewissen des christlichen Volkes zu formen. Ebenso wie die Unbefleckte in ihrem Mitleid mit unserem Elend, doch auch in der Kenntnis unserer wahren Bedürfnisse zu den Menschen kommt, um sie an die wesentlichen und strengen Forderungen der religiösen Bekehrung zu erinnern, so müssen die Diener des Wortes Gottes in übernatürlicher Zuversicht den Seelen den schmalen Weg weisen, der zum Leben führt (26). Sie sollen es tun, ohne zu vergessen, welchem Geist der Sanftmut und Geduld sie folgen (27), doch auch ohne irgend etwas von den Forderungen des Evangeliums zu verschleiern. In der Schule Mariens sollen sie lernen, nur zu leben, um der Welt Christus zu geben, aber, wenn es sein muss, auch gläubig die Stunde Jesu abzuwarten und am Fuße des Kreuzes auszuharren.

Um ihre Priester geschart, sind die Gläubigen es sich schuldig, an dieser Erneuerungsbemühung mitzuarbeiten. Wer könnte an dem Platz, an den die Vorsehung ihn gestellt hat, nicht noch mehr für die Sache Gottes tun? Unser Gedanke wendet sich zuerst der Menge der geweihten Seelen zu, die sich in der Kirche zahllosen Liebeswerken widmen. Ihr Ordensgelübde verpflichtet sie mehr als andere, unter der Führung Mariens siegreich gegen die Herrschaft der maßlosen Unabhängigkeitsgelüste, der Sucht nach Reichtum und Vergnügen über die Welt anzukämpfen; so werden sie sich auf den Anruf der Unbefleckten hin dem Ansturm des Bösen mit den Waffen des Gebets und der Buße und durch die Siege der Liebe entgegenwerfen. Unser Gedanke wendet sich ebenso den christlichen Familien zu, um sie zu beschwören, ihrer unersetzlichen Aufgabe in der Gesellschaft treu zu bleiben. Möchten sie sich in diesem Jubiläumsjahr dem Unbefleckten Herzen Mariens weihen! Dieser Akt der Frömmigkeit wird für die Ehegatten eine kostbare geistige Hilfe bei der Ausübung der Pflichten der Keuschheit und Treue in der Ehe sein; er wird die Atmosphäre des Heims, in dem die Kinder heranwachsen, rein erhalten; mehr noch, er wird die durch ihre Marienverehrung belebte Familie zu einer lebendigen Zelle sozialer Wiedergeburt und apostolischer Durchdringung machen. Und gewiss, über den Kreis der Familie hinaus bieten die beruflichen und staatsbürgerlichen Beziehungen den Christen, die an der Erneuerung der Gesellschaft mitarbeiten wollen, ein weites Betätigungsfeld. Zu Füßen der Jungfrau versammelt und ihren Mahnungen gehorsam, werden sie zuerst einen anspruchsvollen Blick auf sich selber richten, und sie werden aus ihrem Bewusstsein die falschen Urteile und die egoistischen Reaktionen ausmerzen wollen, weil sie die Lüge einer Gottesliebe fürchten, die sich nicht in tätige Liebe zu den Brüdern umsetzt (28). Die Christen aller Klassen und aller Nationen werden suchen, sich in der Wahrheit und der Liebe zu begegnen und Missverständnis und Misstrauen zu verbannen. Zweifellos ist das Gewicht der sozialen Strukturen und des wirtschaftlichen Drucks, der auf dem guten Willen der Menschen lastet und ihn oft lähmt, enorm. Aber wenn es wahr ist, wie Unsere Vorgänger und Wir selbst nachdrücklich betont haben, dass die Frage des sozialen und wirtschaftlichen Friedens zuerst eine sittliche Frage im Menschen selber ist, so ist keine Reform fruchtbar, kein Vergleich haltbar ohne eine Änderung und Reinigung der Herzen. Die Jungfrau von Lourdes ruft es in diesem Gedenkjahr allen zu!

Und wenn Maria sich in ihrer Sorge mit Vorliebe einigen Kindern zuneigt, sind das nicht, geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, die Kleinen, Armen und Kranken, die Jesus so sehr geliebt hat? "Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken", scheint sie mit ihrem göttlichen Sohn zu sagen (29). Geht zu ihr, die ihr vom materiellen Elend erdrückt und hilflos gegenüber den Härten des Lebens und der Gleichgültigkeit der Menschen seid; geht zu ihr, die ihr von Trauer und seelischen Prüfungen geschlagen seid; geht zu ihr, teure Kranke und Leidende, die ihr in Lourdes wahrhaft als die leidenden Glieder unseres Herrn empfangen und geehrt seid; geht zu ihr und empfanget den Frieden des Herzens, die Kraft zur täglichen Pflicht, die Freude des dargebrachten Opfers. Die unbefleckte Jungfrau, die die geheimen Wege der Gnade in den Seelen und das stille Wirken dieses übernatürlichen Hefeteigs der Welt kennt, weiß, wie viel in den Augen Gottes eure Leiden in Verbindung mit denen des Erlösers wert sind. Sie können, daran zweifeln Wir nicht, gewaltig zu jener christlichen Erneuerung der Gesellschaft mit beitragen, um die Wir Gott durch die mächtige Fürbitte seiner Mutter bitten. Möge Maria auf das Gebet der Kranken, der Demütigen, aller Lourdes-Pilger hin ihren mütterlichen Blick ebenfalls denen zuwenden, die noch außer halb des einen Schafstalls der Kirche weilen, um sie in die Einheit zu versammeln! Möge sie ihren Blick denen zuwenden, die suchen und nach der Wahrheit dürsten, um sie zur Quelle des lebendigen Wassers zu führen! Möge ihr Blick schließlich jene unermesslichen Kontinente und weiten menschlichen Zonen überfliegen, wo Christus leider noch so wenig gekannt, so wenig geliebt wird, und möge ihr gewährt werden, dass die Kirche die Freiheit und die Freude genießt, an allen Orten immer jung, heilig und apostolisch auf die Erwartung der Menschen zu antworten!

"Willst du die Güte haben zu kommen...", sagte die heilige Jungfrau zu Bernadette. Diese zurückhaltende Einladung, die keinen Zwang ausübt, die sich an das Herz richtet und gütig eine freie, großmütige Antwort anregt, richtet die Mutter Gottes aufs neue an ihre Kinder in Frankreich und in der Welt. Die Christen werden sich diesem Ruf nicht verschließen; sie werden zu Maria gehen. Und jedem von ihnen wollen Wir am Schluss dieses Briefes mit dem heiligen Bernhard sagen: "In Gefahren, in Ängsten, in Zweifeln denk an Maria, ruf Maria an... Folgst du ihr, so wirst du nicht vom Weg abkommen; fragst du sie, so wirst du nicht verzweifeln; denkst du an sie, so wirst du nicht irren; hältst du dich an sie, so wirst du nicht ins Verderben geraten; schützt sie dich, so brauchst du nichts zu fürchten; führt sie dich, so wirst du nicht müde werden; segnet sie dich, so gelangst du ans Ziel..." (30).

Wir vertrauen, geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, dass Maria euer und Unser Gebet erhören wird. Wir bitten sie darum an diesem Fest der Heimsuchung, das wohlgeeignet ist, diejenige zu feiern, die sich vor hundert Jahren herabgelassen hat, den Boden Frankreichs zu besuchen. Und indem Wir euch auffordern, mit der Unbefleckten Jungfrau Gott das Magnifikat eures Dankes zu singen, rufen Wir auf euch und auf eure Gläubigen, auf das Heiligtum von Lourdes und seine Pilger, auf alle, die die Verantwortung für die Feste der Jahrhundertfeier tragen, einen reichen Strom der Gnaden herab, als deren Unterpfand Wir euch von ganzem Herzen in Unserer beständigen väterlichen Zuneigung den Apostolischen Segen erteilen.

Pius XII.

Anmerkungen

(1) Brief vom 12. Juli 1914; AAS VI, 1914, S. 376
(2) Rede vom 28. April 1935 in Lourdes; Eug. Card. Pacelli, Discorsi e Panegirici, 2. Ausg., Vatikan 1956, S.435.
(3) Ebd. S. 437.
(4) Offizium des Festes der Erscheinungen, Hymnus der 2. Vesper.
(5) Dekret de Tuto zur Kanonisation der hl. Bernadette, 2. Juli 1933; AAS XXV, 1933, S. 377.
(6) Brief vom 4. September 1869 an Henri Lasserre; Vatikanisches Geheimarchiv, Ep. lat. an. 1869 Nr. CCCLXXXVIII,f.695.
(7) Hld 2,13-14; Graduale der Messe am Feste der Erscheinungen.
(8) Breve vom 8. Sept. 1901; Acta Leonis XIII, vol. XXI, S. 159/60).
(9) Enzyklika "Ad diem illum" vom 2. Febr. 1904; Acta Pii X, vol I, S. 149; vgl. oben Nr. 139.
(10) Brief vom 12. Juli 1914; AAS VI, 1914, S. 377.
(11) Breve vom 25. April 1911; Arch. Brev. Ap., Pius X., an. 1911, Div. Lib. IX, pars I, f. 337
(12) Breve vom 11. lall. 1933; Arch. Brev. Ap. Pius XI, Ind. Perpet. F. 128.
(13) Ebd.
(14) Enzyklika Fulgens corona vom 8. Sept. 1953; AASXLV, 1953, S. 578.
(15) Ebd.
(16) Constitutio Apost. Omnium Ecclesiarum vom 15. Aug. 1954; AAS XLVI, S. 567
(17) Mt 3,2; 4,17.
(18) Offizium des Festes der Erscheinungen, 1. Responsorium der 3. Nocturn.
(19) Joh 9,11.
(20) Vgl. Mk 2,10.
(21) 1 Joh 3,18.
(22) Apg 4,32.
(23) Brief vom 10. Jan 1935, AAS XXVII, S. 7.
(24) Lk 12,19-20.
(25) Vgl. Mk 8,36.
(26) Vgl. Mk 7,14.
(27) Vgl. Lk 9,55.
(28) Vgl. 1 Joh 4,20.
(29) Mt 11,28.
(30) Horn. II supet Missus est: P.L. 183,70-71